Was stellt stets den Höhepunkt des Jubiläums einer Kirchengemeinde dar?
Selbstverständlich ein Gottesdienst. Dieser fand zum hundertjährigen Bestehen der Neuapostolischen Kirche in Kerpen am 06.10.2024 im Kirchengebäude Adenauerstraße 18-20, Kerpen-Horrem, statt. Bereits ab 09:40 Uhr stimmte ein musikalisches Programm ein. Es wurde von Chor und Instrumentalkreis der Gemeinde Kerpen gestaltet und stellte das Hauptthema der Feierlichkeiten in den Mittelpunkt: Dank für 100 Jahre Gemeinde Kerpen und Dank für Gottes Gaben zum Erntedankfest. Auch das Bibel-Textwort, welches die Grundlage für das Dienen des Ältesten Bernd Skoppek, Bezirksvorsteher des Bezirks Köln-West, bildete, bezog sich auf das Erntedankfest: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22). Ältester Skoppek begrüßte zu Beginn seiner Predigt die Ehrengäste und gratulierte im Anschluss dem Gemeindevorsteher Evangelist Frank Bredemeier und der gesamten Gemeinde zu diesem herausragenden Jubiläum. Er betonte, dass die Geschwister der Gemeinde Kerpen mit zahlreichen Fähigkeiten ausgestattet sind, aus denen sich ein äußerst abwechslungsreiches und lebendiges Miteinander ergibt, bei dem vor allem der ökumenische Gedanke eine gewichtige Rolle spielt. Aus der Zusammenführung dieser Fähigkeiten mit einer besonderen Beziehung zu Gott ergibt sich besonderer Segen.
Evangelist Bredemeier ließ daraufhin die letzten 100 Jahre der Gemeinde Kerpen Revue passieren und stellte einige der bisherigen Versammlungsstätten, Höhepunkte aus dem Gemeindeleben aber auch diverse Amtsträger vor, die die Entwicklung der Neuapostolischen Kirche im Rhein-Erft-Kreis maßgeblich geprägt haben und denen wir heute noch dankbar sein können.
Ältester Skoppek nahm diesen Faden auf und verwies auf den oft zitierten Satz des Theologen Detlev Fleischhammel „Wer denkt, der dankt!“ Doch wie oft lassen wir bewusst oder unbewusst Dankbarkeit vermissen? Er erinnerte in diesem Zusammenhang an die biblische Geschichte, die am Vortag im Zentrum des ökumenischen Gebetes stand: Jesus heilte 10 Menschen vom Aussatz, doch nur einer von ihnen kam zurück, um für die Heilung zu danken. Schon Friedrich von Schiller stellte dazu passend die Frage „Was ist vergesslicher als Dankbarkeit?“ Nach diesen einleitenden Gedanken verwies Ältester Skoppek darauf, dass die soeben vorgetragene Kurzchronik der Gemeinde Kerpen nur einen knappen Abriss darstellen kann. In ihr enthalten sind nicht die in 100 Jahren erlebten zahllosen Gottesdienste, Gebete, Feiern und Freuden, aber auch Anklagen, Enttäuschungen und Trauer. All diese Erfahrungen haben zu Entwicklungen der gesamten Kirche beigetragen, die vor 100 Jahren kaum denkbar gewesen sind. Als Beispiel nannte er die seit einiger Zeit mögliche Ordination von Frauen zu Amtsträgerinnen, von denen eine auch in Kerpen als Diakonin tätig ist. Anschließend legte Ältester Skoppek den Fokus auf die Gemeinde Kerpen in der Gegenwart und hob erneut das besondere Potenzial hervor, das in ihr steckt und optimistisch in die Zukunft blicken lässt.
Im zweiten Teil seiner Predigt nahm er noch einmal Bezug auf das Textwort und erläuterte dessen Kontext. Demnach handelt es sich um die abschließende Passage zur Sintflut-Erzählung. Diese findet sich in unterschiedlicher Form, Ausschmückung und Deutung in zahlreichen Texten diverser Glaubensrichtungen und Religionen. Alle diese Erzählungen vereint die Botschaft, dass sündhaftes Verhalten von Gott trennt, Gott aber stets seine Hilfe, Fürsorge und Liebe anbietet, diesen Zustand zu verlassen. Er verwies darauf, dass die Erde grundsätzlich genügend Lebensgrundlage für alle Menschen bietet, Ungerechtigkeiten bei der Verteilung aber stets zu Armut, Hunger und Not führen. Wollen wir uns ernstlich dankbar gegenüber Gott zeigen, kann das nur bedeuten, von dem, was wir haben, anderen abzugeben, unsere Gaben zu teilen. Aus Liebe zum Nächsten und aus Liebe zu Gott. Armut gibt es überall, auch in Kerpen. Man muss nur die Augen und das Herz offen halten für die, die Hilfe nötig haben. Ältester Skoppek betonte, dass sich die Aufforderung zum Teilen aber nicht nur auf das Materielle bezieht. Vielmehr hat uns Gott auch im Geistlichen viel geschenkt. Diese christlichen Werte gilt es ebenfalls zu teilen und so unseren Mitmenschen Halt, Orientierung und Hoffnung zu geben. Nur so können wir Jesus Christus in der heutigen oft düster erscheinenden Zeit eine Stimme, ein Gesicht verleihen und so der Verrohung und dem Egoismus entgegenwirken.
Nach einem abschließenden und alles zusammenfassenden „Gott sei Dank!“ bat Ältester Skoppek Evangelist Bredemeier zum Mitdienen an den Altar.
Evangelist Bredemeier wies zu Beginn auf die ersten Amtsträger hin, die vor 100 Jahren zu Fuß, auf dem Fahrrad oder per Zug in den Rhein-Erft-Kreis gekommen sind, um hier Gottes Wort zu verkünden. Aus diesem Einsatz entwickelten sich bald erste Versammlungen und Gottesdienste, die teils in Pferdeställen, teils in Garagen oder umgeräumten Schlafzimmern stattfanden. Wer hätte seinerzeit gedacht, dass sich die Gläubigen irgendwann in einem derart schönen, lichtdurchfluteten und barrierefreien Gebäude versammeln können? Dafür können wir sehr dankbar sein. Evangelist Bredemeier äußerte sich aber auch dankbar für die positive Entwicklung der Kirche im Allgemeinen, für deren Öffnung und ihr Bekenntnis zur Ökumene. Dankbar zeigte er sich zudem gegenüber Bürgermeister Dieter Spürck als ersten Vertreter der Stadt Kerpen, die sich stets offen und fair gegenüber den Anliegen der Gemeinde gezeigt hat. In Bezug auf das Erntedankfest betonte er, dass wir mit Gott einen stets verlässlichen Partner an unserer Seite haben, der uns mit allem Nötigen versorgt. Die daraus erwachsende Dankbarkeit sollen wir auch unseren Nächsten entgegenbringen, und damit den Worten Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ folgen. Als ein für ihn besonderes Beispiel für Nächstenliebe nannte er den Verein Ambulantes Hospiz Kerpen, dessen Arbeit größte Anerkennung verdient. Evangelist Bredemeier beendete seine Predigt mit einem Appell an die Mitglieder aller christlichen Gemeinschaften, gemeinsam eine Arche der heutigen Zeit zu bilden.
Nach der Feier des Heiligen Abendmals, Schlusssegen und Schlussgebet freute sich die Gemeinde über Grußworte einiger Ehrengäste. Den Anfang machte Bürgermeister Dieter Spürck.
In seiner sehr launigen Rede begrüßte er vorab alle von außerhalb angereisten Gäste in der „größten und schönsten Stadt des Rhein-Erft-Kreises.“ Er stellte drei Punkte, die das Jubiläum der Gemeinde Kerpen ausmachen, besonders heraus:
- 100 Jahre christliche Tradition
- 100 Jahre Nächstenliebe
- 100 Jahre aktives Gemeindeleben auch in sehr bewegten Zeiten
Unter Bezugnahme auf den letzten Punkt zitierte er den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl sinngemäß „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Die Vergangenheit, das bedeutet für die Gemeinde Kerpen eine Gründung im Jahr 1924, mitten in der Weimarer Republik. In dieser Zeit, kurz nach dem 1. Weltkrieg, sollte nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen. Doch Geschichte wiederholt sich bis heute. Als aktuelle Beispiele nannte er den Einmarsch Russlands in die Ukraine und den Überfall der Hamas auf Israel. Er verwies aber auch auf rechte Strömungen in unserer Gesellschaft, die sich unter anderem in der Diskussion um eine zentrale Unterbringungseinrichtung für Geflüchtete in Kerpen in beunruhigendem Maß offenbart haben. Bürgermeister Spürck nannte die Dankbarkeit dafür, dass auch in solchen Zeiten Menschen füreinander einstehen, ihre christliche Einstellung leben und anderen in Nächstenliebe begegnen, sein persönliches Erntedankfest. Zum Abschluss seiner Rede verwies er darauf, dass das Erntedankfest nicht nur dazu dienen sollte, sich für all die Güter, die uns zur Verfügung stehen, dankbar zu zeigen, sondern auch dafür, dass wir in einem freiheitlichen Land leben. Auch dafür gilt es sich weiterhin einzusetzen.
Das zweite Grußwort richtete für die Evangelische Kirche Dietrich Hochmuth an die Festgemeinde. Er betonte vor allem das vorbildliche Miteinander der christlichen Kirchen in Kerpen, die sich gegenseitig wertschätzen, respektieren und zu vielerlei Gelegenheiten unterstützen. Dies habe sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Doch auch in der Vergangenheit hat es bereits gute Beispiele gegeben, die selbst den ältesten Einwohnerinnen und Einwohnern des Rhein-Erft-Kreises kaum noch in Erinnerung sein dürften. So überließ beispielsweise die evangelische Kirche in Quadrat-Ichendorf einen Teil ihrer Räumlichkeiten den dortigen neuapostolischen Geschwistern, nachdem deren Versammlungsstätte im 2. Weltkrieg zerstört worden war.
Als letzte Rednerin sprach die Vorsitzende des katholischen Pfarrgemeinderats, Jutta Faasen, zu den Anwesenden. Sie verwies auf das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“, dessen Text von Martin Luther verfasst worden ist. Dieser Satz kann in vielen Fällen als Überschrift für das Verhalten christlicher Kirchen in der Vergangenheit herangezogen werden, als die gegenseitige Abschottung, das sinnbildliche Einmauern die Regel waren. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Nunmehr gilt es, gemeinsam für das Gute einzutreten und die mutmachende Botschaft zu verkünden. Sie äußerte großen Respekt vor den ersten neuapostolischen Amtsträgern, die Anfang der 1920er Jahre nach Kerpen kamen, gehörten seinerzeit doch 90 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner dem katholischen Glauben an. Auch Jutta Faasen betonte, dass ehemals vorhandene Berührungsängste immer mehr abgebaut werden konnten, und schloss mit dem Satz „Die Klammer ist Christus!“
Bereits seit geraumer Zeit wurde in der Gemeinde Kerpen Geld gesammelt, um für Dank und Nächstenliebe an diesem Tag ein besonderes Zeichen zu setzen. Auch während des Gemeindefestes stand die Spendenbox allen zur Verfügung. Schließlich kamen insgesamt 1.270,- Euro zur Unterstützung des Vereins Ambulantes Hospiz Kerpen zusammen, die dessen Vorsitzender Roger Schulze freudig entgegennahm. Er berichtete kurz über die Arbeit des Vereins und verwies darauf, dass sämtliche Tätigkeiten von den Mitgliedern ehrenamtlich geleistet werden. Eine solche Spende ist daher sehr wertvoll und hilft dabei, Sterbende auch zukünftig auf ihrem letzten Weg zu begleiten
Nach dem Festgottesdienst versammelten sich alle auf dem Kirchenparkplatz, um nach einem kurzen Snack dem Versenken einer Zeitkapsel beizuwohnen. In dem Edelstahlbehältnis waren diverse Erinnerungsstücke aus vergangenen Zeiten wie Chroniken der Kerpener Gemeinden, aber auch eine aktuelle Tageszeitung und ein großes Foto vom Gemeindefest am Vortag untergebracht worden. Die Reden zu diesem festlichen Akt steuerten Ortsvorsteher Andreas Schenk und Ortsvorsteherin Sibilla Simons bei.
Ortsvorsteher Andreas Schenk wies eingangs scherzhaft darauf hin, dass es sich bei Kerpen nicht, wie von Bürgermeister Spürck gemutmaßt, um die schönste Stadt des Rhein-Erft-Kreises handelt, sondern selbstverständlich um die schönste Stadt Deutschlands. Er stellte in Bezug auf die Zeitkapsel den Begriff „Zeit“ in den Mittelpunkt und rief alle Gemeindemitgliedern sowie alle Gäste dazu auf, sich im immer hektischeren Geschehen Zeit zu nehmen, für die eigene Seele aber auch für andere und wünschte der Gemeinde Erfolg, Glück und Gottes Segen für die nächsten 100 Jahre.
Ortsvorsteherin Sibilla Simons verwies darauf, dass sich ihr Elternhaus ganz in der Nähe befindet, und sie daher schon immer eine enge Verbindung zur Kerpener Kirche hatte. Dazu trugen auch diverse familiäre Verbindungen zu Gemeindemitgliedern bei. Zudem erinnerte sie sich, bereits 1995 bei der Grundsteinlegung als Gast vor Ort gewesen zu sein. Sie freute sich, dass „Ökumene in Kerpen so gut klappt“ und zeigte sich in freudiger Erwartung zukünftiger gemeinsamer Feste.
Nach Versenken der Zeitkapsel und Aufbringen einer Verschlusstafel blieb nun noch viel Zeit, das immense Büffet zu plündern und bei dem ein oder anderen Kaltgetränk in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen und Pläne für die Zukunft zu schmieden..
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